Erkrankungen

Multiple Sklerose (MS)

Häufigkeit

MS ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems (Gehirn, Rückenmark, Sehnerv). In Deutschland wird die Zahl der Erkrankten auf 100.000–120.000 geschätzt, die jährliche Neuerkrankungsrate liegt bei ca. 3,5–5 pro 100.000 Einwohner. Frauen sind bei der schubförmig verlaufenden MS 2–3 x häufiger betroffen als Männer. Der Erkrankungsgipfel liegt um das 30. Lebensjahr.

Klinik

Klinisch beginnt die MS bei über 80% der Patienten mit einem schubförmigen Verlauf. Häufige Frühsymptome sind die einseitige Sehnervenentzündung (Optikusneuritis), Doppelbilder, Sensibilitätsstörungen, Koordinationsstörungen oder eine Schwäche der Beine. Bei den meisten Patienten bilden sich die Symptome eines Schubes innerhalb von Wochen zurück. Unbehandelt kommt es bei ca. 40% der Patienten nach 10 Jahren zu einer sekundären Progredienz, d. h. zu einer schleichenden Zunahme klinischer Symptome auch ohne zusätzliche Schübe. Nur ein geringer Anteil von Patienten hat im Verlauf der Erkrankung keine Schübe, sondern beginnt bereits mit einer schleichenden Zunahme neurologischer Symptome (primär-progredienter Verlauf). Bei dieser Verlaufsform finden sich deutlich weniger entzündliche Veränderungen in der MRT. Neben den unterschiedlichen Verlaufsformen werden weitere Subtypen der MS nach Art und Ausprägung des entzündlichen Reaktionstyps und des klinischen und kernspintomographischen Erscheinungsbildes unterschieden.

Diagnose

Die Diagnose einer MS stützt sich auf die Anamnese (Hinweise auf  bereits früher stattgehabte neurologische Ereignisse mit Schubcharakter?), den Nachweis neurologischer Ausfälle, die eine zentralnervöse Störung anzeigen, sowie den klinischen, kernspintomographischen oder elektrophysiologischen Nachweis einer zeitlichen und örtlichen Dissemination. Nach den international anerkannten Kriterien (McDonald et al. 2001, Revision 2010) kann die Diagnose einer Multiple Sklerose bereits dann gestellt werden, wenn sich nach einem ersten Krankheitsschub mit klinisch nachweisbaren Auffälligkeiten im Liquor MS-typische Veränderungen (lokale Immunglobulin G-Synthese) zeigen, sich zwei oder mehr charakteristische Läsionen in der initialen MRT finden und in der Verlaufs-MRT (> 3 Monate nach Schubereignis) mehrere entzündliche Herde in definierter Verteilung vorhanden sind, wovon mindestens einer Kontrastmittel aufnimmt.

Untersuchungen bei Verdacht auf Multiple Sklerose

  • MRT des Kopfes, ggf. des Rückenmarkes
  • Evozierte Potenziale (VEP, AEP, SSEP, MEP)
  • Liquor (Lumbalpunktion)
  • Laboruntersuchungen (zur Abgrenzung anderer erregerbedingter, entzündlicher und nicht entzündlicher Erkrankungen mit Beteiligung des ZNS)

Therapie

Unterschieden wird die Therapie eines Schubes von der verlaufsmodifizierende Therapie der schubförmigen MS.

Die Schubtherapie erfolgt üblicherweise als Kortisontherapie an 3–5 Tagen intravenös mit 1-2 g Methylprednisolon.

Zur verlaufsmodifizierenden Therapie kommen zum einen verschiedene Interferone (Betaferon ®, Rebif ®, Extavia ®, Avonex ®, Pledridy®) sowie Glatiramerazetat (Copaxone ®) in Betracht. Betaferon ® und  Rebif ® müssen alle 2 Tage, Plegridy 1x in 2 Wochen und Copaxone® täglich oder 3x/ Woche in das Unterhautgewebe, Avonex® 1x wöchentlich in den Muskel gespritzt werden. Betroffene werden nach ausführlicher Aufklärung durch den Facharzt durch unsere sepeziell ausgebildeten MS Nurses in der Selbstanwendung von Interferonpräparaten und Glatirameracetat angeleitet und betreut. In den letzten Jahren wurde weitere Medikamente mit  unterschiedlichen Wirkmechanismen zur Behandlung der schubförmigen Multiple Sklerose zugelassen. Als orale Basistherapeutika stehen  Teriflunomid (Aubagio ®) als 14 mg Filmtablette 1x tgl. sowie Dimethylfumrat (Tecfidera ®) 2x 1 tgl. 240 mg zur Verfügung

Bei aktiven Verläufen einer Multiple Sklerose mit hoher entzündlicher Krankheitsaktivität und ggf. unzureichender Wirkung der genannten Medikamente kann eine Behandlung mit Fingolimod (Gilenya ®) 1 Tbl. 0,5 mg tgl.  oder mit den monoklonalen Antikörpern Natalizumab (Tysabri ®) 1x / Monat i.v. oder Ocrelizumab (Ocrevus ®) 1x / 6 Monaten i.v. erfolgen.  Eine weitere Therapiemöglichkeit sind sogenannte Induktionstherapien mit Alemtuzumab (Lemtrada ®) i.v. oder Cladribin (Mavenclad ®) oral (1 Zyklus im 1. Jahr, ein weiterer Zyklus im 2. Jahr) .

Für die primär progressive MS ist bisher nur Ocrelizumab (Ocrevus ®) 1x / 6 Monaten i.v.  zugelassen und für die sekundär progressive MS mit klinischer oder MR-Krankheitsaktivität Siponimod (Myazent ®) seit 2020.

Weitere immunsuppressive Medikamente mit bestimmter Anwendung in der Behandlung der MS sind Mitoxantron (Ralenova ®), Cyclophosmphamid, Azathioprin oder auch i.v. Immunglobuline.

Darüberhinaus kommt der symptomatischen Therapie eine wichtige Bedeutung zu, diese dient der Linderung von Krankheitssymptomen (z.B. Spastik, Gangstörung, Ataxie, Blasenstörung, Schmerzen, Mißempfindungen, Fatigue etc.) und schließt sowohl Medikamente, als auch Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Hilfsmittelversorgung und Psychotherapie mit ein. Notwendig kann auch die Hinzuziehung anderer Fachdisziplinen (z.B. Urologe, Neuropsychologe) oder aber eine Kooperation mit einer MS Ambulanz (z.B. intrathekale Therapien der Spastik mit Volon A oder Baclofen) sein.

Zur Verbesserung der Gangstörung für Pat. mit einer deutlichen bis schweren Gangstörung (EDSS 4-7) ist seit September 2011 Fampridin (Fampyra ® ) zugelassen, hierbei handelt es sich um den Kaliumkanalblocker Diaminopyridin, der symptomatisch auf funktionsgestörte motorische Nervenzellen wirkt und keine immunmodulatorische Wirkung auf die Erkrankung selbst hat.

Zukünftige Therapien

Auf dem Gebiet der medikamentösen Therapie der MS herrscht eine rege Forschungstätigkeit. Zahlreiche neue Substanzen werden zur Zeit in klinischen Studien getestet oder stehen vor einer baldigen Zulassung. Andere Substanzen haben bereits eine Zulassung für die immunsuppressive bei anderen Erkrankungen und werden aktuell auf ihre Wirksamkeit bei der MS getestet. Dazu gehören weitere monoklonale Antikörper oder auch oral verfügbare Substanzen mit unterschiedlichen, die Immunreaktion beeinflussenden Wirkungen.

Weiterführende Links

Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG)

DMSG Hamburg

MS und COVID-19